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Und hier unser aktueller Rundbrief:


Willkommen zu unserem Rundbrief September 2019!


Herzliche Grüße Euch in die letzten Wochen dieses oft so warmen Sommers...

Kennt Ihr die Situation völlig ratlos da zu stehen - ich meine nicht unbedingt hilflos, das ist eher nicht so toll,
aber ratlos im Sinne von ohne Antwort auf das, was gerade geschieht?
Wenn wir die Irritation in uns durchschreiten können, dann kommen wir oft in eine enorme Offenheit, in ein radikales Lauschen und Erlauschen des Jetzt, dieses Moments.

All zu schnell haben wir gerade heute in einer Überflutung von Gewusstem und Infos und Nachgegoogeltem, haben wir heute Patent-Antworten bereit, Konzepte, wie wir uns die Welt und unser Leben zu ordnen gewohnt sind.

Nicht immer ist das hilfreich.

Der aus dem Sufismus kommende spirituelle Lehrer A.H.Almaas, der vor allem eine Verbindung geschaffen hat von westlicher Psychologie und dem Weg des Erwachens,
er lehrt verschiedene Arten der Unwissenheit und des Wissens.

So beschreibt er neben dem einfachen Unwissen, dass wir einfach etwas nicht gelernt haben,
eine erlernte Unwissenheit - dass wir meinen zu wissen, wie alles funktioniert, dass wir ein festes Bild von uns, den anderen, der Welt, dem Leben und Gott haben,
und nicht mehr mitbekommen, dass unsere Sicht vielleicht nicht falsch, aber doch begrenzt ist, und dass die Art, wie wir uns mit diesem Gewussten identifizieren, uns verschließt
gegenüber der heiligen Neugier, dem lebendigen Interesse, der Offenheit, alles auch wieder infrage zu stellen.

Nicht zu wissen, macht uns richtig "Bauchweh" - darum vermeiden wir das so sehr.
Wir sind ja oft auch gewohnt, dafür bloßgestellt zu werden oder uns beschämt zu fühlen. Darum kaschieren wir es.
Aber im Grunde ist diese Offenheit des nicht Gewussten, der Geist der Fragen. Und wenn wir die "richtigen Fragen" stellen,
kann das Leben wirklich wunderbar und oft auch überraschend zu uns hin strömen.
Kinder und Weise, freie Menschen und oft auch künstlerische oder unkonventionelle Menschen, Jugendliche auch, sie alle können bisweilen beeindruckende Fragen stellen.

"Warum gehen Sie so schnell? - Wissen Sie nicht wer Sie sind?"
Mit dieser Frage schockierte mich mal ein vermutlich obdachloser Jugendlicher in einer Stadt...

Fragen wurzelt demnach nicht in Unwissenheit - sondern in dem Wissen um die Begrenztheit des eigenen Wissens, und damit in der Weisheit, dass das Leben immer nochmal viel reicher ist als alle meine Antworten. Fragen gründet letztlich in der Offenheit unseres menschlichen Geistes - oder des Geistes schlechthin,
verkörpert es doch ein Schauen und Lauschen und Erlauschen der Weite der Wirklichkeit,
die letztlich unbegrenzt also selbst unendlich ist.

Die richtige Frage an uns selbst oder in eine Begegnung hinein zu geben - das kann eine Tür öffnen.
Menschen können sich zutiefst verstanden - gesehen und auch manchmal humorvoll herausgerufen erleben...

Nochmal mit Almaas:
Bis wohin hilft dir dein Wissen und deine Einsicht um dich selbst und deine Biographie, deine psychologischen Muster und Charakterzüge - bis wohin hilft dir das, dich zu erkennen?

Wo steht dir dein Wissen von dir selbst - das du über all die Jahre angesammelt hast - im Wege, dir tiefer und wirklicher zu begegnen?

Bis wohin konnte dein Geist dich tragen?
Bedanke dich dafür.
Und was ist das für eine Schwelle, wo seine Fähigkeiten enden - du anders weitergehen musst?

Was beginnt jenseits dieser Schwelle?
Welche tiefe Sehnsucht nach dir selbst trägt dich da hinüber...?



Auch wenn wir nicht immer ganz so tief und existenzell einander fragen -
können wir hilfreich sein, auch Konflikte zu lösen oder Spannungen zu relaxen.

Wenn ich eine Einsicht oder eine Empfindung von einem anderen Menschen habe - wie wäre es, wenn ich das nicht als Antwort, als Aussage dem anderen vorsetze, sondern es als Frage anbiete - wie ein feines Menü, das der oder die andere wählen kann...?

Lasst uns in einer Gesellschaft der Informierten - wieder "heilig-Nichtwissende" sein,
nicht Menschen, die sich dumm stellen - das meine ich nicht - aber Menschen, die sich nicht an aktuellen Infos und fertigen Antworten entlanghangeln.
Lasst uns eine Offenheit des noch nicht Gewussten sein - ein intelligentes Tor zur je größeren Einsicht und Weisheit...

Lasst uns den Mut haben, ja die Furchtlosigkeit, stille zu werden, wenn es zu viele Antworten im Raum gibt.
Lasst uns Verbündete der radikalen Offenheit und Frische des Lebens sein, das sich nicht in die Karten schauen lässt,
das sich uns aber Augenblick für Augenblick offenbart mit all seiner Schönheit, Schmerz und Tiefe, dessen es fähig ist.

Und mögen wir die Inspiration haben, einander und uns selbst immer wieder durch herauslockende Fragen zu verunsichern!

Satnam Paulus-Thomas Weber





Worte für unterwegs...



"Abschied nehmen
von der Antwort - der Vorstellung,
wer wir zu sein haben,
um dem Bild von uns selbst zu genügen...

statt dessen
uns radikal auf die Wirklichkeit werfen,
wer wir eigentlich sind."

(Satnam Paulus-Thomas Weber)