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Rundbrief für Februar 2020


Hoffe, Euer neues Jahr hat so begonnen, dass Ihr Wachstums-Räume für Euch findet, inmitten so mancher Enge, Not, Fragen, Unsicherheit!
Ganz herzlich schicke ich Euch meine Grüße an die Orte, wo Ihr lebt.

"Unsere heutige Situation sehen..."

Es ist nicht leicht etwas sinnvolles zu sagen zu unserer komplexen Lebens-Situation, die uns heute so ziemlich global betrifft.
Ich mag etwas anbieten - ohne Anspruch recht zu haben, ohne zu meinen, dies wäre die einzige Wahrheit, und ohne es vollständig zu sagen.
Dazu nutze ich den philosophischen Zugang der Phänomenologie, die ich ja viele Jahre lang studieren durfte.

1 - Bedrohungen
Wenn wir auf die Situation, in der wir heute ein Stück wie gefangen sind, blicken, so zeigt sie sich mir zunächst als eine Sammlung von Bedrohungen.
Das scheint das Offensichtliche zu sein, was das bei uns Menschen auslöst. Da ist dieses Virus, das den Stein ins Rollen bringt, da sind Erkrankungen, da sterben Menschen, da ist eine hohe Ansteckungsgefahr, wie ja bei vielen Viruserkrankungen. Dann sind da Maßnahmen, die ergriffen wurden und werden - auch sie schaffen oft neue bedrohliche Situationen (auch wenn sie vielleicht hilfreich sein mögen). Wir spüren das, wie Kontaktreduzierung, ein Lahmlegen des öffentlichen und kulturellen, aber auch wirtschaftlichen Lebens uns zu schaffen macht. Da sind Schulkinder, Jugendliche, Eltern und LehrerInnen in einer extrem schwierigen Lage. Und da wirken medizinische Hilfen - wie etwas Impfungen - zwar womöglich etwas entlastend, aber für viele auch wieder als neue Bedrohung, zudem mit viel Unbekanntem, wie dies auf Langzeit wirkt. Dazu kommt, dass für viele Betriebe, Selbstständige und Anbieter die Situation ein Ruin ist oder werden kann - finanzell und dann auch psychisch. Für so viele Menschen ist die Gesamtsituation extrem belastend - auch wenn es einem nach außen hin noch recht gut geht. Das wäre die Ebene der Bedrohungen - die erste Ebene in meiner Skizze hier.

2 - Deutungen
Dann gibt es - wie in allem, was wir Menschen tun und erleben, in bedrohlichen Situationen besonders - die Deutungen dieser Situation. Auch das ist komplex. Und wir finden hier unterschiedliche Muster vor. Es gibt Deutungen, die oberflächlich sind, solche die tiefer zu gehen versuchen, Deutungen, die sich mit Gefühlen von Trauer, Wut, der Angst vor staatlichem Überrolltwerden verbinden, Deutungen, die sich mit der Gesamtsituation als Menschenfamilie heute verknüpfen, wo wir ja auch schon "vor Corona" in einem komplexen Umbruch waren...
Deutungen von uns Menschen sind durchaus intelligent - wir versuchen die Ereignisse in unseren Sinn-Kontext einzufügen, um auch geistig zu überleben. Nur - nicht immer ist unsere Deutung so umfassend, wie wir meinen. Ein Kern Wahrheit ist in der Regel darin. Allerdings mag es nicht die einzige Wahrheit sein. So gesehen tun wir gut - einander zuzuhören und von den verschiedenen Deutungen zu lernen - auch wenn wir diese Sicht nicht teilen werden.
So mit das Schlimmste, was aus meiner Sicht geschehen könnte, wäre, dass wir uns als Menschen zerstreiten, aufspalten aufgrund von unseren Sichtweisen des Heute! Das zu vermeiden ist heute zum Teil eine hohe Kunst. Dies alles ist für mich eine zweite Ebene - unsere Sichtweisen, unsere Deutungen.

3 - Lichtvolle Fenster
Dann gibt es eine interessante Lücke in alle dem - und ich mag das als eine dritte Ebene hier beschreiben. Da geschieht ja auch aufgrund und in der Situation von Corona und Lockdowns - viel Wunderbares. Wir haben zum Teil Zeit für Dinge, die wir sonst nicht tun würden. Wir schreiben uns wieder Briefe - auch das gibt es. Wir lernen, unser zuhause zu lieben und zu gestalten. Ich selbst habe neben vielen kreativen Projekten, die ich angehen konnte, so besondere und tiefe Mails und auch Anrufe bekommen. Es ist als würde uns auch etwas wachrütteln aus dem alles für selbstverständlich zu nehmen, alles für normal zu halten. Unser Leben ist alles andere als normal - unser Leben ist ein Wunder...

4 - Zeit des Wandels
Das führt zu einer vierten Ebene: Wir geraten ob wir es wollen oder nicht, wer auch immer dafür verantwortlich sein kann oder nicht, wir geraten alle in einen ziemlich tief wirkenden Umbruch. Etwas - gar vieles - wird nach den Corona-Zeiten und Lockdowns etc. nicht einfach so weiter gehen wie zuvor. Das ist vermutlich auch manchen Entscheidungsträgern nicht so klar. Vieles wird nicht einfach "auferstehen" und wieder weitermachen wie zuvor - ein paar Monate abgeschaltet, und dann geht es weiter. Nein - wir Menschen sind keine Maschinen, Kultur und Kunst nicht und unsere Seele schon gar nicht. Die Tiefe von Menschsein wird (wie zuvor ja auch) gesellschaftlich übersehen!
Das kann aber auch hindeuten auf etwas, das uns weise Menschsen schon lange sagen: dass wir heute generell - auch unabhängig von Corona etc. - in einer Wandlungszeit stehen. Ich selbst habe viel darüber geforscht und geschrieben. Dies wird dauern - es ist wie eine große "Initiation" könnten wir sagen: Altes zerbricht - geht nicht mehr so weiter (garnicht weil es schlecht war, einfach weil es sich überlebt hat). Neues taucht noch nicht auf - wir wandern durch ein "Ich-weiß-nicht-Land", durch eine Leerheit, die anfangs dunkel, unverstehbar, dann mehr und mehr schöpferisch und herausrufend sein mag. Ohne den Mut zu diesem "Sterbeprozess" werden wir das Alte von vorgestern nur recyceln, werden wir die alten Muster (und Fehler) nur mit neuen (digitalen...) Mitteln wiederholen!

5 - Wozu leben wir?
Und dann sehe ich noch eine fünfte Ebene dazu: Wir Menschen können erkennen, wer wir sind, wirklich sind - was der tiefe Sinngehalt unseres Lebens ist. Wenn wir dem näher kommen, so können wir verstehen, dass wir eher eine Reise sind als fixe und fertige Subjekte. Wir sein ein "unterwegs-sein", sind ein Aufbruch. Unser Leben - das wir gewohnt sind einzusperren zwischen "Geburt" und "Tod" - ist eine Art Übungssituation - eine Praxis, ein Lernen von menschlichen Erfahrungen, wo jeder Augenblick unseres Lebens kostbar und hilfreich ist - auch wenn es sich zeitweise ziemlich wund oder traurig oder krass anfühlt. Wir sind viel mehr als dies - wir sind hineinverwoben in einen universalen Zusammenhang von Leben, in dem erst sich die Bedeutung unseres Lebens erschließt, wo sich so etwas wie "Sinn" von selbst ergibt.
Das zu sehen ist die Sichtweise, die wir Spiritualität oder Existenzialität, oder im hilfreichen Sinne auch Religion nennen können. Es ist der Blick auf das Gesamt - dass unser alltägliches Dasein eben genau das ist: unser Tag im All aller Wesen, in der Weite und göttlichen Tiefe des Seins selbst - nicht zu denken, wohl aber ein Wunder. Das Wunder des Daseins.

Können wir unsere heutige Situation in diese Dimensionen hinein heimkehren lassen, einbergen in das Größere - das die Wirklichkeit ist, um auszusteigen aus der Illusion des zu Kleinen einer isolierten Lebens-Situation? Mag da gelten, was ein verstorbener Lehrer von uns einmal sagte: "Hört auf zu meinen, das was die Menschen tun, sei die Welt!" Ja, Welt ist viel mehr, Leben ist viel viel umfassender. Eigentlich brauchen wir vor nichts uns zu fürchten...

Lasst uns in diesem Sinne gemeinsam unterwegs sein in dieser Weltstunde, in der neben allem schwierigen sich ebenso innere Chancen öffnen.
Vielleicht ist das eine oder andere von dem hier Beschriebenen hilfreich für Dich - für Euch. Dann nimm es Dir. Und das andere lässt Du einfach wieder gehen.

Mit warmen Grüßen für Euch alle

Satnam Paulus-Thomas Weber





Worte für unterwegs:

"Die Menschen der Zukunft werden ... interessiert sein,
nicht mehr an dem Beweis,
dass eine bestimmte Position (auf Kosten aller anderen)
die eigentlich wahre ist,
sondern, dass in dieser Position
eine Lebendigkeit, Elastizität und Offenheit erzielt werden kann,
die das eigentlich Wahre aufscheinen und präsent werden lassen kann...

Das ist ein ganz anderer Wahrheitsausweis,
als wir ihn bisher in Wissenschaften und Philosophien kennengelernt haben.
Der Wahrheitserweis liegt nicht darin,
dass die anderen irren,
sondern darin, dass man zeigen kann,
dass und wie auch die anderen,
auf ihre Weise und auf ihrem Weg,
recht haben."

(Heinrich Rombach)